Jonathan Miller
Soundscapes aus der Unterwelt
Lightwave

Wenn sich die renommierte französische Formation Lightwave Ende April auf dem holländischen Alfa-Centauri-Festival die Ehre gibt, darf man auf elektro-akustische Soundscapes der Sonderklasse gefasst sein. Im Vorfeld des Events hat Jonathan Miller bei den Masterminds Christian Wittman und Christoph Harbonnier Informationen über ihre bisherigen, nie weniger als spektakulären Live-Performances eingeholt – und über die Lightwave-Studio-Philosophie.

Ein Mix aus Strudel, Snapple-Eistee und französischem Rotwein - das ist Lightwave! So beschreibt Christian Wittman, Mitbegründer und Wortführer von Lightwave, den Sound des „offenen" Ensembles, dessen Duo Wittman & Harbonnier immer wieder die Kollaboration mit Gastmusikern sucht. Auf der offiziellen Lightwave-Homepage www.hmnetwork.com/lightweb sind gleich dreizehn mehr oder weniger bekannte Mitglieder des so genannten Lightwave Tribe gelistet. Doch was um alles in der Welt meint Wittman mit seiner von subtilem Humor zeugenden Definition? Vielleicht hilft ein kurzer Blick in die Lightwave-Historie.

Die Wurzeln der Gruppe reichen bis ins Jahr 1984, als sich Wittman mit dem ebenfalls in Paris lebenden Serge Leroy zusammentat, um der gemeinsamen Vorliebe für elektronische Musik eine Plattform in Gestalt von Crystal Lake zu verschaffen – ein weltweiter Mailorder-Service mit eigenem Musikmagazin. Mit Hilfe eines beeindruckenden Roland-700-Modularsystems hatte Leroy bereits erste eigene musikalische Schritte getan – was Wittman animierte, sich bei erster Gelegenheit und zu einem Spottpreis einen gebrauchten Vintage-Synthesizer ARP 2600 zuzulegen, obwohl er bis diesem Zeitpunkt noch kaum Erfahrung als Keyboarder hatte.

Und genau dort liegt der Hund begraben! Denn obschon unbestreitbar als Musikinstrumente konzipiert, haben solche Geräte nicht zuletzt auch einen pädagogischen Wert. Ehe man nicht verschiedene Klangerzeugungsmodule zusammengestöpselt hat, gibt etwa ein auch als „Modular-System" bekanntes – Instrument wie das Roland 700 keinen Ton von sich. Leroy und Wittman, fasziniert von den zahllosen Knöpfen und Reglern und den scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten der Klangerzeugung vertieften sich also, statt zunächst das Tastenspiel zu erlernen, in die technische Materie und schufen durch schier endloses Experimentieren die Basis für das nun schon seit einem Jahrzehnt für seine abenteuerlichen Soundscapes gepriesene Projekt Lightwave. Kein Wunder darum auch, dass Leroy und Wittman – nachdem sich ihnen 1985 Christoph Harbonnier angeschlossen hatte – ihre 1987 erschienene Debüt-MC „Modular Experiment" tauften.

Was also bedeutet Wittmans „kulinarisches" Zitat? Nun, die Glücksgöttin war den drei unerschrockenen Modular-Synthetikern hold und bugsierte sie unvermittelt aus dem Schatten ins Rampenlicht. Einige Monate nach den Pariser Tangerine-Dream-Konzerten von 1986 speisten Lightwave eines Abends in Paris mit Paul Haslinger, einem mittlerweile in Los Angeles residierenden Österreicher – daher Wittmans ironische „Strudel"- und „Snapple-Eistee"-Referenzen –, der damals gerade als frisch gebackener Absolvent der Wiener Musik-Akademie bei TD angeheuert hatte. Leroy, Wittman und Harbonnier spielten Haslinger einige ihrer noch unausgereiften Aufnahmen vor, und seine Reaktion war sehr ermutigend.

Wittman erinnert sich: „Danach kam es zu verschiedenen Treffen, und daraus entstand eine echte Freundschaft auf der Grundlage von gegenseitigem Respekt und Vertrauen. Nachdem er Tangerine Dream verlassen hatte, verbrachte Paul einige Zeit in Paris und nahm Kenntnis von unseren musikalischen Aktivitäten. Offensichtlich hatten wir in einigen Punkten dieselben Vorstellungen und Grundkonzepte von dem, worum es in der elektronischen Musik geht, was in ein französisches Baguette gehört und wie ein Espresso zubereitet werden muss! Auf eine ganz natürliche und beiläufige Weise trafen wir uns dann hin und wieder im Lightwave-Studio, spielten zusammen und nahmen genug Material auf, um überzeugt zu sein, dass hier etwas Interessantes passierte. Seither haben wir engen Kontakt gehalten und verschiedene Methoden der Zusammenarbeit ausprobiert: Studio-Sessions in Paris, zwei Konzerte in Paris und London, Mixing- und Produktions-Sessions in Los Angeles."

 

Weiter in KEYBOARDS 05/01

[Übersetzung/Bearbeitung: Albrecht Piltz]

 

Lightwave: DISKOGRAPHIE

  • Nachtmusik (Erdenklang, Deutschland), 1990 [Rezension: KB 09/90]
  • Tycho Brahe (Fathom/Hearts Of Space, USA), 1994
  • Mundus Subterraneus (Fathom/Hearts Of Space), 1995
  • In der Unterwelt (Plans Sonores, Frankreich), 1996
  • Uranography – Live At The Nice Observatory (MSI, Frankreich), 1996
  • Cantus Umbrarum (Horizon Music, USA), 2000 [Rezension: KB 05/00]
  • Caryotype (Signature, Frankreich), 2001 [Rezension: KB 05/01]

 

INTERNET/KONTAKT

www.hmnetwork.com/lightweb
lightwav@club-internet.fr

 

LIGHTWAVE: Studio-Equipment

CHRISTIAN WITTMAN

  • Akai S900
  • ARP 2600 (3x)
  • ARP Sequencer
  • Crumar Bit One
  • E-mu eSynth
  • Korg M1
  • Korg Wavestation
  • Moog Polymoog
  • Roland JD-800
  • Roland System 100M (16 Module)
  • RSF Modular-System II (16 Module)

CHRISTOPH HARBONNIER

  • Korg PS3300
  • Kurzweil K2000 (mit 64 MB RAM und Sampling-Karte)
  • Oberheim 4-Voice (modifiziert mit 4 externen CV/Gate-Triggern)
  • RSF Kobol
  • RSF Polykobol
  • Yamaha DX7 II

RECORDING

  • Alesis 16:4:2 Mixer
  • Alesis ADAT (2x)
  • Mackie 16:2:2 Mixer
  • Sony ES-55 DAT
  • Yamaha 02R Mixer (mit ADAT-Interface, 2x)

MONITORING

  • Accuphase Amplifier
  • Cabasse Galion 3 VTA (modifiziert)
  • Davis Triphonic System

EXTERNE EFFEKTE

  • Alesis Midifex
  • Alesis Midiverb
  • Alesis Quadraverb
  • Ibanez Digital-Delay
  • Lexicon PCM70
  • Roland 350 Vocoder
  • Roland Analog-Delay
  • Roland DEP5

 

VERSCHIEDENES

  • Kensington MIDI/CV Interface
  • Mehrere Apple Macintosh Computer (inkl. 500 MHz PowerBook G3, 300 MHz G3, PowerBook 1400 und SE30)

 

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